DIE ZITRONE

4 Zeichnungen frei nach einer Kurzgeschichte von Dylan Thomas
Moorlauge auf Papier, querformatig, 70 x 100 cm.


Die Macht der Zitrone (2007)


Die Macht der Zitrone (2007) - Detail

Text von Dr. Gertrude Betz anlässlich der Ausstellungseröffnung
am 12. September 2008 im Kunstbalkon in Quidde 3, Kassel

  " ... Die Zitrone, eine Erzählung von Dylan Thomas (1914-1953), ist so ein Fundstück (von Bernhard Skopnik) ..., dass als Literatur eine Wirkung ausübt,
die zwangsläufig Bildvorstellungen hervorruft. Wir kennen das: Lesen heißt auch, Bilder im Kopf entstehen lassen, in denen das Erzählte uns sichtbar wird.
Aber 'Die Zitrone' ist ein Text, der niemals illustriert werden könnte, der eine widersprüchliche, wirre, bedrohliche Abfolge von Situationen beschreibt, die wir nur mit einem Alptraum vergleichen können. Sie versetzt den Leser in einen Zustand, in dem gewöhnliche Ordnungen von Raum, Zeit, Abfolge und Identitäten, einer sicheren Weltordnung, außer Kraft gesetzt sind und es nichts bringt, diese Kategorien dem Text quasi als ein beruhigendes Verstehen (oder kategorisches Nicht-Verstehen) anzuhängen.


Ein toter Mann im Turm (2007)


Dylan Thomas war ein Poet, ein zutiefst leidenschaftlicher und irrationaler Dichter, der aber immer wusste, dass er zum Lob des Lebens, der Schöpfung schreibt. Und er war – gefährdet auch – Alkoholiker. So ein Text kann einen heimsuchen – und die Klarheit der Wirrnis, der Verlust an Ordnung, Boden, Raum, Orientierung – übrigens keine ungewöhnliche Befindlichkeit – wird zum Strom, der die gezeichneten Linien antreibt und Gestalten erfindet, Verknüpfungen, Brüche und Konfrontationen aufzeigt, abrupte Motivwechsel inszeniert, die bedrängen, auch komisch und bizarr sind, aber nicht eine Sekunde lang die Spur für eine Auflösung erkennen lassen.


Säuren durchfließen meine Adern (2008)

Wichtig ist für Bernhard Skopnik, dass er in allen Zeichnungen/Bildern keine Abläufe, sondern konzentrierte Zeitlosigkeit zeigt, keine Räume (die in der Wahrnehmung einen Zeitfaktor vorgeben), kein Nacheinander, sondern ein totales JETZT. Dazu tragen die meist nur umrissenen Gestalten, die einfachen Formen bei. Alles ist sichtbar, im Bild gebändigt. Selbst wenn es Überschneidungen gibt, ein Davor und Dahinter, Figuren ineinander verwoben sind – es ist nur Gleich-
zeitigkeit – die wir in der sprachlichen Umsetzung niemals bewahren können. Wir erzählen (beschreiben) eins nach dem anderen, linear. Deshalb wird Sprache mit Bezug zu künstlerischen Arbeiten so oft und zu Recht als „Reduktion“ erlebt.


Korrekturen in der Diagnose (2008)

Bernhard Skopnik aber schafft das sehr Bemerkenswerte, dass er in seinen Zeichnungen erzählt und erzählt, aber jede Linearität des Nacherzählten in dem momentanen Zustand der Darstellung so absorbiert (einfängt), dass sie an Dichte, Komplexität und zugleich Klarheit nicht zu übertreffen ist. Dazu gehören auch die Gestalten, fremden Tiere und Attribute, ein Varieté des Abnormen, Zirkus der Verstörung, in dem das vertraute und liebenswert Menschliche nie verloren geht. Die absurden Welten, in die seine Zeichnungen immer auch führen, sind Spiele mit dem Möglichen zwischen Vertraut/Real und gänzlich traumhaft surreal. Immer in der einfachen Strichführung, als wäre es Alltägliches, das uns begegnet."